Diplomatische

SCHLOSSE BELLEVUE BERLIN

55Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede im Großen Saal in Schloss Bellevue anlässlich des Neujahrsempfangs für das Diplomatische Korps Ich freue mich, Sie alle gleich zu Beginn des neuen Jahres hier zu sehen. Der Neujahrsempfang gehört, wie die anderen jährlichen Zusammentreffen mit dem Diplomatischen Korps, zu den wohltuenden Traditionen im Amt des Bundespräsidenten. Unsere Begegnungen, etwa die gemeinsamen Ausflüge – im vergangenen Jahr waren wir gemeinsam im Saarland –, sie sind mir in bester Erinnerung, und ebenso sind es die Gespräche mit Ihnen. Sie haben mir in den fünf Jahren meiner Amtszeit vielfältige Anregungen gegeben. Ich schaue mich um und sehe die Vielfalt der Länder, die Sie vertreten. Einst blieb dieser erfreuliche Anblick dem Staatsoberhaupt vorbehalten, eben wenn er das Diplomatische Korps seines Landes empfing. Heute leben wir diese Vielfalt. In den urbanen Zentren und Hauptstädten Europas sind unterschiedliche Hautfarben, Sprachen, Religionen, Lebensgewohnheiten und Kulturen eine alltägliche Erscheinung. Wir schätzen diese Bereicherung. Für viele junge Menschen gehört es zum Lebensplan, im Ausland zu studieren, zu arbeiten, Erfahrungen zu sammeln, sich anregen zu lassen, so wie ich mich habe anregen lassen in der Begegnung mit Ihnen und auf meinen Reisen. Im vergangenen Jahr waren das, neben den Reisen in die vertrauten europäischen Partnerländer, auch solche an entfernte Orte in Nigeria, Mali, Chile, Uruguay, nach China und Japan. Wer diese Erfahrung machen durfte, dem fällt es leicht oder doch wenigstens leichter, in der Verschiedenheit und Einzigartigkeit von Ländern, Menschen und Kulturen das Gemeinsame, Verbindende zu entdecken. Er lernt das Fremde zu schätzen und – so habe ich es erlebt – das Eigene auf eine neue, ebenso bereichernde Weise zu achten. Ich möchte das auch deshalb herausstellen, weil mir scheint, dass vieles von dem, was wir im vergangenen Jahr auch hier in Deutschland als Reaktion auf den Zustrom von Flüchtlingen erlebt und erfahren haben, seinen Ursprung in der Angst vor Entfremdung und Entwurzelung hat. Was viele als Bereicherung empfinden, anderen Kulturen auch im eigenen Land zu begegnen, empfinden wiederum andere als Bedrohung der eigenen kulturellen Identität. Angst ist ein Gefühl. Ihm mit dem Vorwurf der Irrationalität zu begegnen, ist wenig erfolgversprechend. Und schließlich sind die Herausforderungen, denen wir uns in den vergangenen Jahren stellen mussten, durchaus dazu angetan, Befürchtungen zu wecken. Der Terror, der uns an vielen Orten der Welt und nun auch im eigenen Land getroffen hat, zielt auf unsere Werte, auf unsere Lebensweise. Was vor Weihnachten hier in Berlin geschah, wird nachwirken. Die Opfer des Anschlags, arglose Besucher eines Weihnachtsmarktes, sie werden uns fehlen. Aber ich bin sicher: Das Kalkül des Mörders wird nicht aufgehen. Denn unser Zusammenhalt, als Demokraten und als Deutsche, er wird nicht schwächer, er wird stärker, wenn wir angegriffen werden. Wir spüren die Nachbeben des Terrors und der politischen Umwälzungen nahezu überall auf der Welt, und keine noch so streng gesicherte Grenze würde uns davor bewahren. Eben weil das so ist, werden wir bei der Bewältigung dieser Krisen zusammenarbeiten müssen. Und ich bin davon überzeugt: Wenn uns diese Zusammenarbeit gelingt, werden wir die Erfolge sehen, die wir brauchen, um der Angst entgegentreten zu können. Der Flüchtlingsgipfel in New York hat die Agenda dieser gemeinschaftlichen Anstrengungen vorgegeben. Wir müssen uns ernsthafter bemühen, die Fluchtursachen gemeinsam zu bekämpfen, Krisen- und Konfliktprävention zu betreiben und schließlich für die Integration der Menschen zu sorgen, die vor Krieg und Terror Zuflucht suchen. Die Europäische Union wird zudem auch in Zukunft auf eine verstärkte Kontrolle ihrer Außengrenze nicht verzichten können. Das sind gewaltige Aufgaben. Kein Land wäre in der Lage, sie allein zu bewältigen. Gerade in Zeiten, in denen die völkerrechtsbasierte internationale Ordnung mancherorts in Frage gestellt wird, sind wir aufgerufen, sie zu bekräftigen und Institutionen wie die Vereinten Nationen, die uns zur Bewältigung globaler Krisen zur Verfügung stehen, zu stärken. Wir werden uns nicht der Ohnmacht ergeben angesichts von Gewalt an so vielen Orten der Welt, in der Ostukraine, im Jemen, im Süd-Sudan und vor allem in Syrien, um nur wenige Beispiele zu nennen. Und wir werden uns dem Terrorismus nicht beugen, der im letzten und leider auch schon in diesem Jahr auf brutalste Weise Menschenleben gefordert hat, zum Beispiel in Belgien, in Frankreich, der Türkei, in Nigeria oder im Irak. Wie die Vereinten Nationen gehört auch die Europäische Union für mich zu den Institutionen, die globale Verantwortung tragen. Um zu erkennen, wie wertvoll und unverzichtbar die EU ist, sollten wir uns daran erinnern, dass diese Einigung Europas über Jahrhunderte nicht mehr als eine Hoffnung auf Frieden und Verständigung war. Im März jährt sich die Unterzeichnung der Römischen Verträge zum sechzigsten Mal. Vor zehn Jahren, zum 50. Jahrestag, unterzeichneten die Mitgliedstaaten die Berliner Erklärung, mit der sie sich zu den gemeinsamen Werten bekannten, zu Frieden und Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Sie versprachen außerdem, sich dafür einzusetzen, dass Konflikte in der Welt friedlich gelöst und Menschen nicht Opfer von Krieg, Terrorismus oder Gewalt werden. Dieses Versprechen müssen die Europäer einlösen. Eine der eindrucksvollsten Begegnungen des vergangenen Jahres war für mich das Treffen mit Angehörigen der Hilfsorganisation der Weißhelme, die im Dezember den alternativen Friedensnobelpreis erhielten. Schneider, Bäcker, Lehrer, Menschen aus unterschiedlichsten Berufen, setzen ihr eigenes Leben ein, um das anderer zu retten. Sie haben keine politische Agenda, achten nicht auf Religions-, nicht auf Parteizugehörigkeit und retten dabei noch weit mehr als Menschenleben: Sie retten die Menschlichkeit. Ihre Arbeit zeigt uns, dass kein Hass groß genug ist, den Zusammenhalt unter uns Menschen vollends zu zerstören. Es ist auch ihr Beispiel, das uns verpflichtet, nicht in Resignation zu verfallen. Es gibt auch ermutigende Zeichen, dass beharrliche, stille Diplomatie, die einen langen Atem hat, am Ende auch lang andauernde Konflikte beenden kann: Zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba ist ein jahrzehntelanges Schweigen zu Ende gegangen; in Kolumbien ein ebenso langer, verlustreicher Guerillakrieg. Wir dürfen uns weder von Angst überwältigen, noch von Terror einschüchtern lassen. Vertrauen wir auf die Mittel der Diplomatie. Festigen wir die Herrschaft des Rechts und den Zusammenhalt der internationalen Staatengemeinschaft und bewahren wir sie. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein glückliches und erfolgreiches Jahr 2017. Reporter Agbelessessy kodjovi

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